Vor der heutigen Diskussion über das Wolfsmanagement im Brandenburger Landtag haben Jäger und Tierhalter nochmal richtig ausgeholt. Der Versuch mit großem Anlauf, verfälschten Tatsachen und falschen Hoffnungen in eine alte und länst vergangene Welt zurückzukehren, ist unübersehbar. “Es muss möglich sein, Wölfe zu erschießen” steht heute groß in der Lausitzer Rundschau (hier der Link).

Die Aussage stammt von Herrn Henrik Wendorff, dem Präsidenten des Landesbauernverbandes. Seiner Meinung nach dürfe der Wolf nicht länger “das goldene Kalb sein, um das alle herumzutanzen haben”. Auch dürfe die Bejagung nicht länger “als Sakrileg abgetan werden angesichts der dynamischen Bestandsentwicklung, die niemand erwartet hat”.

Nun ja, Herr Wendorff. Zuerst einmal ist es äußerst fragwürdig den Artenschutz als ein offensichtlich übertriebenes, unnötiges Heiligtum zu sehen. Als Vertreter der Landwirtschaft sollte man sich eigentlich der Verantwortung bewusst sein, die gegenüber der Natur besteht. Artenschutz ist aber offensichtlich nur etwas für Heilige? Und wer genau hat eigentlich die aktuelle Bestandsentwicklung nicht erwartet?

Biologische Kenntnisse scheinen jedenfalls nicht die Stärke von Herrn Wendorff zu sein, wenn ihm der Verlauf einer Populationsentwicklung von grundsätzlich allen sich ansiedelnden Wildtieren so völlig unbekannt war. Hier daher gerne eine kleine Nachschulung zur Entwicklung und Erwartung unserer Wolfspopulation:

Grafik von www.woelfeindeutschland.de

Bei aktuell ca. 60 Wolfsrudeln in Deutschland sind wir an einem Punkt, an dem die Bestandsentwicklung eine hohe Dynamik erreicht hat. Ein Bestandszuwachs von 30% ist dabei völlig natürlich und sogar noch etwas unter der eigentlich zu erwartenden Entwicklung. Wir reden hier also von einem völlig natürlichen Vorgang in Bezug auf die bei uns lebenden Wölfe. Keine Wolfspopulation wächst in den Himmel. Sie pendelt sich immer an der Kapazitätsgrenze ihres Lebensraums ein.

Vertreter von Landwirt- und Jägerschaft lassen jedoch keine Gelegenheit aus, um die Entwicklung als eine unnatürliche darzustellen. So fallen die Wörter “unbegrenzt, unkontrolliert und außer Kontrolle” regelmäßig.

Die aktuelle Populationsentwicklung der Wölfe war also alles andere als nicht vorhersehbar. Schließlich liegt das von der EU vorgegebene FFH-Minimum für Deutschland bei 165 Rudeln. Stand heute sind wir also nicht einmal bei der Hälfte angelangt und der Großteil unserer Landesfläche ist nicht von Wölfen besiedelt.

Zurückkehrend zur Aussage von Herrn Wendorff, sollte er sich also schon die Frage stellen, warum die Bestandsentwicklung nicht zu erwarten war? Und wessen Fehler war das dann eigentlich? Die des Wolfs wohl kaum, aber der Sündenbock ist er trotzdem.

 

Der Problemwolf und seine scheinbar schwammige Definition

Es ist eindeutig definiert, dass ein Nutztiere reißender Wolf nicht automatisch ein Problemwolf ist. Auch ein Wolf, der sich mal einem Dorf nähert, ist dieses nicht. Und doch fordert Herr Wendorff, dass “es künftig möglich ist, auch Wölfe zu erschießen, wenn sie unsere Tiere angreifen”. Die aktuellen ohnehin schon bestehenden gesetzlichen Regelungen hierzu scheinen ihm nicht auszureichen.

Doch was wäre, wenn wir dieser Forderung nachgeben? Soll zukünftig am besten der einzelne Landwirt darüber entscheiden, ob ein Wolf zu leben hat oder nicht? Welche Bedeutung hat dann ein Wolfsmonitoring oder die Öffentlichkeitsarbeit zur Akzeptanz des Wolfes? Und wer kann dem Landwirt eigentlich garantieren, dass er nach dem Abschuss Ruhe hat? Richtig, das kann Niemand.

Außer offensichtlich Matthias Schannwell, der Geschäftsführer des Landesjagdverbandes. Der hat bereits gestern gesagt, dass “eine Bejagung unausweislich sei, um die Kosten zum Schutz der Herden nicht weiter anwachsen zu lassen”. Eine These, die ebenfalls jeglichen Sachverstand vermissen lässt.

Demzufolge möchte Herr Schannwell also zum Beispiel im Unterspreewald einen Wolf schießen lassen und dann den Menschen in der Region sagen, dass sie sich nicht mehr schützen müssen? Diese Rechnung kann einfach nicht aufgehen. Und genau deswegen sind all diese angeblichen einfachen Lösungen auch keine Lösungen, sondern die pure Förderung von Problemen. Probleme im Herdenschutz, die nicht über die Jagd zu lösen sind.

Wenn man sich vor Augen hält, dass bei ca. 90% aller Wolfsrisse kein ausreichender Schutz vorgeherrscht hat, sollte man die wahre Wurzel des Problems eigentlich erkennen können.

 

Das Wecken falscher Hoffnungen

Folglich wird weiterhin felsenfest behauptet, dass den Weidetierhaltern tatsächlich mit dem Abschuss einzelner Wölfe geholfen wird. Dabei suchen Wolfsgegner weiter zweifelhaft nach Belegen für diese Behauptung. Diese sind jedoch weltweit nicht zu finden.

Egal ob die Bejagung von Wölfen im Yellowstone Nationalpark, die Bejagung von Dingos in Australien oder auch aktuell die Jagd auf Wölfe in Frankreich, die trotzdem zu Höchstwerten bei den Nutztierrissen geführt hat. Es ist nun oft genug bewiesen worden, dass eine Jagd auf im Rudel lebende Raubtiere nicht die gewünschte Reduzierung von Nutztierrissen mit sich bringt. Ich bin darauf in diesem Artikel auch bereits ausführlich eingegangen.

Diese Fakten interessieren aber den Großteil der Landwirt- und Jägerschaft nicht. Für sie ist entscheidend, dass der Wolf mit Mehraufwand und mit persönlicher Unsicherheit verbunden ist. Im Falle der Jägerschaft vor allem mit der Tatsache, dass sie nicht mehr Alleinherrscher in ihrem Revier sind. Es ist also eine rein interessenorientierte Diskussion, die der Landesjagd- und Landesbauernverband führen wollen. Von sachlicher Auseinandersetzung fehlt weiterhin jede Spur.

Der deutsche Schriftsteller, Erich Kästner hat einmal gesagt: “Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht darauf sitzen.”

Vielleicht wäre es daher mal an der Zeit wirklich zu versuchen mit dem Wolf zu leben und nicht nur die hohle Phrase zu dreschen und dann mit dem großen ABER um die Ecke zu kommen. Wer weiter an den Herdenschutz durch Grillfeste und Bejagung glaubt, wird in jedem Fall enttäuscht werden.

Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch ist möglich, wenn beide wollen.

Bis bald,

Stephan

 

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Quellen:

#1 Lausitzer Rundschau, www.lr-online.de, Artikel “Es muss möglich sein, Wölfe zu erschießen” vom 13.09.17, abgerufen am 13.09.17, hier der Link.

#2 Märkische Allgemeine Zeitung, www.maz.online.de, Artikel “Bauern wollen wieder Wolfswachen abhalten” vom 12.09.2017, abgerufen am 12.09.2017, hier der Link.

#3 Wölfe in Deutschland, www.woelfeindeutschland.de, Grafik zur modellhaften Populationsentwicklung, hier der Link.

#4 Beitragsbild: Pixabay

Stephan Schulz

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